Moin,
heute beschreibe ich hier die Reparatur eines Radios Graetz Komtess 214. Bislang sah ich dieses Modell nur auf Bildern in alten Katalogen oder im Internet. Die Gehäuseform finde ich interessant, sind sich doch die Kleinradios der Hersteller ab Mitte der 1950er Jahren fast zum Verwechseln ähnlich. Die bislang aufgerufenen Preise selbst für heruntergerittene Exemplare fand ich aber zu hoch.
Vor einigen Tagen stieß ich beim Stöbern in den Kleinanzeigen auf ein Graetz Komtess214 in der Farbe braun für einen interessanten Preis. Das Gehäuse hatte einen seitlichen Riss und nur einen ganz kleinen Ausbruch an der Gehäuserückseite. Der Netzstecker war gegen einen optisch überhaupt nicht passenden Stecker getauscht worden.
Der Anbieter verpackte das Radio gut in Noppenfolie und viel Polsterung in einem Karton und schickte es mir zu. Beim Abnehmen der Rückwand fand ich einen Reparatur-Eintrag aus dem Jahr 1967 auf dem Röhrenbestückungs-Zettel. Das Gehäuseinnere und das Chassis waren wie erwartet verstaubt, darunter fand sich noch Nikotin-Niederschlag.
Der UKW-Abstimm-Anzeiger fehlte, er war durch einen goldfarben angepinselten Holzstreifen ersetzt worden. Der LM-Abstimm-Anzeiger war leider am Skalenseil festgeklebt worden. So konnte ich dessen Position nicht korrigieren. Die Netzsicherung im Spannungswähler fehlte, der Anschluß am Wähler selbst war abgerissen. Die Papierwickelkondensatoren waren aufgequollen, der Lade-/Sieb-Dreifach-Elko hatte bereits seine Füllung abgegeben. Die Röhren ECH81, EF89, EABC80, EL41 hatten brauchbare bis gute Emission. Die ECC85 war taub.
Die Reparatur:
Ich baute den Netztrafo aus. Er dient hier nur als Heiztrafo, die Anodenspannung wird bei diesem Modell über einen Einweggleichrichter direkt aus der Netzspannung gewonnen. Der TA-Eingang und der LS-Ausgang liegen somit an Netzspannung. Zu gefährlich für Weiterbetrieb. Ich möchte eine Netztrennung in dem Radio haben, da ich später mal den TA-Eingang und auch mal den LS-Ausgang nutzen werde. Ich nahm den Netztrafo eines AEG-Kleinradios aus meinem Fundus. Die elektrischen Werte passten, der Trafo war nur etwas breiter und etwas höher als der originale Trafo. Die Trafo-Halterung habe ich etwas umgearbeitet. Den originalen Spannungswähler habe ich weiter verwendet, jetzt wird auch die vorher unbelegte 240V-Stellung benutzt.
Der originale Dreifach-Elko hatte sich wohl aus thermischen Gründen übergeben. Er saß sehr nah an dem Trafo, der EABC80 und der EL41. Deshalb platzierte ich einen neuen Zweifach-Elko mit Metall-Montageband unterhalb des Chassis. Vorher erneuerte ich alle Papierwickelkondensatoren und die Klein-Elkos. Die Gleichrichtung baute ich mit einem Brückengleichrichter mit Parallelkondensatoren und 68R-Vorwiderstand auf einer Lötleiste neu auf. Diese kam ebenfalls unter das Chassis. Der Elko wurde separat formiert.
Das Chassis, die Filtergehäuse und das Tunergehäuse wurden vom Staub und Nikotinbelag gereinigt.
Die Neu-Anschlüsse des „neuen“ Trafos wurden mit Schrumpfschlauch durch das Chassis geführt. Ich setzte eine 400mAT Sicherung ein. Ich kürzte einen Skalenzeiger aus meinem Fundus in der Länge und in der Tiefe für den Einsatz am Graetz-Radio. Die Abstimm-Mechanik wurde gereinigt und ganz wenig geölt. Der Tastensatz wurde gereinigt denn die Schlitze für die Tastenschieber hatten sich mit Schmutz zugesetzt. Deshalb waren die Schieber und damit die Tasten schwergängig. An der UKW-Taste fanden sich Kratzspuren. Da wurde versucht, die UKW-Taste hochzuheben.
Nach dem Einsetzen der Röhren wurde das Chassis wurde in der üblichen Weise am Regeltrenntrafo mit Vorschaltlampe und Wattmeter „hochgefahren“. Später stellten sich diese Werte an Netzspannung 230V ein: Leistungsaufnahme 38W, Anodenspannung 260V, Heizspannung 6,3V, Stellung Spannungswähler 240V.
Die Oszillator-Frequenz und die Empfindlichkeit am UKW-Tuner mussten nachjustiert werden. Im LM-Bereits krachte es bei einer bestimmten Stellung des Drehkos. Also die wurden die Drehkolamellen nochmals gereinigt.
Parallel zum Probelauf habe ich das Gehäuse und die Schallwand überarbeitet. Die Stelle mit dem Riss habe ich im Gehäuse-Inneren mit Schmirgelleinen aufgeraut und einen passend zugeschnittenen Streifen aus Pertinax aufgeklebt. In den Riss selbst gab ich auch etwas 2K-Kleber.
Die Messingzierteile nahm ich ab, strich sie mit Polierpaste ein und polierte sie mit der Polierscheibe an meiner Drehbank. Auch die Bedienknöpfe wurden auf der Drehbank poliert. Der originale Schallwandstoff war leider fleckig geworden. Ich baute den LS ab, nahm das Ziergitter herunter und legte die Schallwand in warme Waschlauge. Der Schallwandstoff löste sich ab, ich wusch und spülte den Stoff. Die Flecken blieben. Also durfte ich einen anderen Stoff auswählen und aufkleben.
Ich schmirgelte die Schallwand etwas ab und legte doppelseitiges Klebeband auf. Den neuen Stoff hatte ich auf meinem Arbeitstisch vorgespannt. Jetzt wurde die Schallwand aufgeklebt und angepresst. Danach trug ich auf der umlaufenden Stirnseite der Schallwand eine dünne Spur Holzleim auf und presste von Hand den Stoff dort an. Nach dem Trocknen schnitt ich den überstehenden Stoff ab und stach die Befestigungslöcher durch.
Ich setzte die Schallwand wieder zusammen. Leider wird die genaue Lage des Ziergitters und des Zierteils mit dem Graetz-Logo erst durch die Verschraubung mit dem Gehäuse festgelegt. Da durfte ich den Sitz noch zweimal korrigieren.
Ich klebte schwarze, schmal zurechtgeschnittene Filzstreifen in den Skalenscheiben-Ausschnitt in das Gehäuse. Das hellbraune Papierklebeband an der mittlerweile gereinigten Skalenscheibe entfernte ich komplett, da es nach dem „Probesitzen“ des Chassis links und rechts im Ausschnitt noch zu sehen war. Die Skalenscheibe selbst sitzt formschlüssig in ihrer Halterung und wird nach vorn durch die Gehäuseknöpfe und später durch den jetzt mit Filz ausgekleideten Gehäuse-Ausschnitt gehalten. Daher ist hier keine weitere Sicherung notwendig.
Ich wählte aus meinem Bestand eine passende Netzzuleitung mit Graetz-Konturenstecker. Diese ist besonders lang und war mal an einer Graetz-Maharadscha Fernsehtruhe im Einsatz. Aus schwarzer Litze und einem schwarzen Bananenstecker fertigte ich eine neue UKW-Wurfantenne an und fädelte sie in die Rückwand. Die gereinigte Rückwand selbst befestigte ich mit neuen M4-Schrauben.
Zum Schluß folgte die VDE701-Prüfung. Das Radio bleibt erstmal in meiner kleinen Sammlung, es kann als Abhör-Verstärker in meiner Werkstatt dienen oder als Blickfang hin und wieder im Esszimmer, im Gästezimmer, im Gartenhaus.
Bilder:
01 Anlieferzustand
02 Rückwand abgenommen
03 Chassis ausgebaut
04 Reparatur-Eintrag in der Rückwand
05 Draufsicht Chassis
06 Bedienknöpfe und Skalenscheibe abgebaut
07 Unteransicht Chassis
08 Tunergehäuse und Filtergehäuse zur Reinigung abgenommen, Netztrafo getauscht
09 „neuer“ UKW-Skalenzeiger angebracht, Trafo-Leitungen verlegt
10 Skalenscheibe, Bedienknöpfe, Skalenlampe angebracht
11 Unteransicht Chassis nach der Reparatur
12 Gehäuse geklebt
13 Schallwand gereinigt
14 Anpressen des neuen Schallwandstoffes
15 Schallwand mit Ziergitter und Zierteil, noch nicht ausgerichtet
16 Alle Zierteile angebracht, Probelauf
17 Rückwand noch nicht aufgesetzt
18 Rückwand mit Wurfantenne und neuen Schrauben
19 Graetz Netzstecker
20 Jagdstrecke
Viele Grüße
andreas
graetz komtess214
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Re: graetz komtess214
Vielen Dank für den anschaulichen Restaurierungsbericht! Das Ergebnis ist sehr schön geworden. Das Radio hat immer noch einen hohen Nutzwert, gerade mit der genialen Transformator-Lösung!