Man könnte meinen, dass EMV-Probleme erst mit "modernen" Geräten aufgekommen sind. Mitunter stören diese den Empfang vor allem auf den AM-Bereichen so sehr, dass die Sender kaum noch zu hören sind. Heute erst berichtete ein Forumskollege von massiven Störungen durch sein Balkonkraftwerk.
Aber auch vor 100 Jahren gab es schon EMV-Probleme:
Die erste Radios waren entweder Detektorempfänger oder Audionempfänger. Wurde bei letzteren die Rückkopplung zu weit aufgedreht, fingen sie an zu schwingen und störten dann benachbarte Empfänger, weil die Schwingung kräftig über die angeschlossene Antenne abgestrahlt wurde. Zeitweise war deshalb eine einstellbare Rückkopplung verboten, aber viele Radios waren selbstgebaut, da wurde das nicht unbedingt ernst genommen.
Damals gab es nicht so viele Kraftfahrzeuge wie heute, aber fuhr eines vorbei, wurde der Empfang oft durch ein Knattern beeinträchtigt: Die Zündanlagen vieler Motoren waren noch nicht entstört. Richtig ernst genommen wurde dies erst viele Jahre später mit der Verbreitung der Autoradios.
1933 ging in Luxemburg der damals stärkste Langwellensender Europas in Betrieb, zunächst auf 252 kHz, später auf 236 kHz. Dummerweise hatte Telefunken eine ganze Serie Radios gebaut, die bei Mittelwellenempfang eine ZF von 232 kHz hatten. Ergebnis war, vor allem im Westen Deutschlands, ein mehr oder weniger starkes Pfeifen, deshalb erhielten diese Radios den Spitznamen "pfeifende Johanna", nach einem zeitgenössischen Schlager der Comedian Harmonists.
1949 gingen die ersten UKW-Sender in Betrieb. Die ersten UKW-Radios waren zu einem großen Teil Pendelempfänger. Mitunter waren diese schlecht abgeschirmt und/oder enthielten keine HF-Vorstufe. Dann störten sie benachbarte Empfänger.
Das nächste EMV-Problem entstand bei der Einführung des Fernsehens. Inzwischen waren viele UKW-Radios Superhetempfänger. mit einer ZF von meist 10,7 MHz. Der Oszillator arbeitete dann je nach eingestellter Empfangsfrequenz im Bereich 98,2 bis 110,7 MHz. Die erste Oberwelle der Oszillatorfrequenz fiel dadurch in die Fernsehkanäle 8 bis 11. Viele UKW-Teile waren kaum abgeschirmt, was bei ungünstiger Frequenzkombination auf dem Fernsehbild zu Moiree, einem schrägen Streifenmuster, führte. An manchen Orten kam das besonders häufig vor: Zum Beispiel arbeitete der zweite UKW-Sender Deutschlands in Hannover auf 88,9 MHz, die Oberwelle des Oszillators fiel dann in den Fernsehkanal 8. 1952 ging in Hannover einer der ersten 5 Fernsehsender Deutschlands in Betrieb, ausgerechnet auf Kanal 8. Störungen waren damit vorprogrammiert. Die störenden Radios mussten dann umgebaut werden, sie erhielten ein neues, abgeschirmtes UKW-Teil.
Um Störungen zu vermeiden, hat man die ZF-Bereiche, also um 455 kHz bei den AM-Empfängern, 10,7 MHz bei den UKW-Empfängern und 33-40 MHz bei den Fernsehempfängern, möglichst von Sendern freigehalten. Außerdem hat man, vor allem im UKW-Bereich und beim Fernsehen, Frequenzkombinationen vermieden, bei denen die Oszillatorfrequenz eines auf einen Ortssender eingestellten Empfängers auf der Frequenz eines anderen Ortssenders liegt.
Mit dem Aufkommen der Digitaltechniki und der Schaltnetzteile wurden die Störungen breitbandig. Aber gleichzeitig wurden auch die Geräte störfester. Sonst hätten wir heute noch viel mehr mit Störungen zu kämpfen.
Lutz
EMV-Probleme gibt es nicht erst heute
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