Von sammlerischer Hybris

Allgemeines und was sonst nirgendwo reinpasst zum Thema "Dampfradios".
Forumsregeln
Regeln
Impressum
Benutzeravatar
holger66
Moderator
Moderator
Beiträge: 4407
Registriert: Do Dez 18, 2008 6:27
Kenntnisstand: Sehr gute Kenntnisse (Hobby)
Wohnort: Nettetal

Von sammlerischer Hybris

Beitrag von holger66 »

Hallo Forum,

vor circa 15 Jahren wirkte ich an der Erfassung und schließlich an der Auflösung der Radiosammlung von Wilhelm Hüserich in Köln mit. Das dauerte insgesamt fast 3 Jahre – kein Wunder, die Access-Datenbank umfaßte am Ende über 8.000 Einträge. Die letzten etwa 2.500 Stücke verschwanden in zwei Hochsee-Containern auf Nimmerwiedersehen in Richtung Ostasien. Vorher hatte ich insgesamt 15 bis 20 Geräte abgegriffen, die mich besonders interessierten, ungefähr die Hälfte davon habe ich bis heute in meiner Sammlung.

Das Ziel des alten Herrn war die Begründung eines Museums gewesen, wozu es aber nie kam, da er über immer neue Trödelmärkte zog und kaufte, was die Brieftasche hergab – und das war allerhand. Zeit und Muße zur Strukturierung seiner Sammlung brachte er nie wirklich auf. Und wirklich Löten und Reparieren konnte er schon gar nicht.

Irgendwann erkannte er seine sammlerische Hybris selbst, die Sache wuchs ihm in einem kalten Winter über den Kopf, als in dem eiskalten Haus aus dem Jahr 1900, in dem seine Sammlung stand, Fensterscheiben aus einem der Räume im dritten Stock samt Rahmen in den Garten stürzten. Er hatte lieber Radios gekauft, als mal neue Fenster einsetzen zu lassen…..

Mithin war das insgesamt nichts anderes als ein Radiofriedhof, das war auch jedem Besucher klar. Und jeder, der da durchzog, versuchte unwillkürlich, einige wenige Stücke zu sich zu holen und ihnen damit die Würdigung zukommen zu lassen, die ihnen zusteht. Jedem ernsthaften Sammler blutete dabei das Herz, das ist doch sonnenklar.

Ich wollte so etwas nie wieder sehen und schon gar nicht bei der Entsorgung der Reste behilflich sein. Und doch kam es nun wieder dazu. Schon einmal im März und heute erneut war ich zu Besuch in einem Ort etwa 40 Kilometer von hier, in einem Haus, in dem Ähnliches zu bestaunen ist.

Zwei Brüder, von denen einer schon länger verstorben ist, hatten ein grundsolides, großes, aber nie ernsthaft renoviertes Stadthaus aus den 1880er-Jahren samt diverser Nebengebäude so lange gefüllt, bis nichts mehr hinein paßte. Spätestens dem jüngeren Bruder muß in dem Moment auch die sammlerische Hybis klargeworden sein, als er alleine damit zustehen gekommen war. Die Auflösung hatte also schon vor einigen Jahren begonnen, insgesamt müssen es auch hier über 3.500 Geräte gewesen sein, außerdem ein Vielzahl von Schellackplatten im sicher fünfstelligen Bereich…..

Mit Dante bin ich versucht, wie folgt zu formulieren: „Sammler, lasset, die Ihr eintretet, alle Hoffnung fahren !“ Es herrscht dort ein solches Tohuwabohu, dass zwingend davon auszugehen ist, dass am Ende größere Mengen an Geräten und Schellacks kostenpflichtig entsorgt werden müssen, bevor an eine Grundsanierung des ehrwürdigen Hauses auch nur zu denken ist, das heute leider an einer viel befahrenen Hauptverkehrsstraße liegt. Und das, obwohl der Durchschnitt der angebotenen Gerätschaften in bedeutend besserem Zustand ist, als weiland bei der Auflösung der Kölner Sammlung – und billiger sind sie obendrein.

Warum schreibe ich das in unser Dampfradioforum ? Sozusagen als Warnung – das sollte keiner nachmachen.

Mir kam unwillkürlich der Gedanke: da haben sich die Brüder womöglich für unsterblich gehalten und alles gekauft, was ihnen vor das Rohr kam und was bezahlbar erschien. Ich habe auch einige Geräte erstanden, von denen ich die weitaus meisten aber fertig machen und noch im Laufe des Jahres wieder verkaufen möchte, was mir meistens auch gelingt. Mein mitreisender Sammlerkollege, der auf Vorkriegsgeräte steht, kaufte gleich so viele, dass sein Citroen Berlingo randvoll wurde. Aber auch er ist schon 74……

Meine eigene Sammlung ist mir mittlerweile auch viel zu groß geworden, es sind etwa 130 Geräte. Die sind aber praktisch alle durchrepariert und könnten von anderen Sammlern oder sonstigen Interessenten fast alle intakt übernommen werden. Weil ich aber ein lädierte Schulter habe, bekomme ich keine schwereren Geräte mehr ohne Hilfe auf meinen Dachboden, wo die Sammlung steht ! Ihr glaubt nicht, wie oft ich schon mit dem Gedanken gespielt habe, mal 100 Stück an einen der Aufkäufer abzugeben, um mir diesen….Ballast vom Hals zu schaffen. Oder lieber doch nicht ? All’ die Arbeit, die Teilesuchen, die Löterei, die Lackierorgien…...

Ich bin allerdings „erst“ 59 und habe so vielleicht noch 20 Jahre Spaß an den Geräten, die ich behalten werde. Aber dann…..steht wieder irgendwer vor demselben Problem.

Fazit: entweder man löst die Sammlung noch zu Lebzeiten bis auf ein paar besonders schöne, seltene oder sonstwie interessante Stücke auf – oder aber die Erben werden den Erblasser unweigerlich für sein Versäumnis verfluchen.

Und dann: die Sammler werden bekanntlich immer weniger – und mithin die pro Sammlung potentiell verfügbaren Geräte immer mehr, denn wegwerfen wird man die ja heute auch nicht mehr. Folge: die Preise sind im Keller und man kommt wieder in Versuchung.

In das Dilemma kommen früher oder später alle Sammler, da soll sich keiner Illusionen machen. Röhrenradios sind keine Briefmarkenalben, die man im schlimmsten Fall ins Altpapier geben kann.

Und doch bin ich heute wieder schwach geworden – den superseltenen Kaiser „Breslau“ W1090 mit EL12 für 20 Euro mußte ich kaufen, das ging nicht anders. Und wenn ich den zur vollen Funktion bekomme, darf der auch bleiben…..es ist ein Elend damit….

Euer
Holger
UKW: Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe.....